1965 wurde eine photographische Reproduktion der ersten Ausgabe des Buches Mormon
veröffentlicht, die aufzeigte, dass es Tausende von Änderungen im Buch Mormon gegeben
hat, seit der ersten Veröffentlichung im Jahre
1830. 1
Die meisten dieser 3913 Änderungen sind grammatikalischer Art oder
Rechtschreibkorrekturen. Manche Änderungen jedoch betreffen auch die Bedeutung des Textes. Die
Führer der Kirche hatten Schwierigkeiten dies anzuerkennen. Joseph Fielding Smith machte
folgende Bemerkung auf einer Konferenz:
Während der letzten zwei Wochen habe ich mehrere Briefe von Menschen aus verschiedenen
Teilen der Staaten erhalten, die etwas besorgt sind, da sie von Feinden der Kirche und des Buches
Mormon angesprochen wurden, die sagten, dass es ein oder zwei oder mehrere Tausend Änderungen
im Buch Mormon gegeben habe, seit die erste Version veröffentlicht wurde. Nun, natürlich
liegt in dieser Aussage keine
Wahrheit. " 2
Joseph Fielding Smith fährt fort, indem er auf die schwierigen Umstände
der Veröffentlichung eingeht und den unfreundlichen Drucker erwähnt. Weiter beteuert er,
dass es sich nur um ein paar Änderungen typographischer Art ( Änderungen, die durch den
Buchdruck zustande kommen) gehandelt habe und diese nur vom Propheten selbst gemacht wurden. Es
habe keine Änderung an der Lehre gegeben.
Vermehrt hört man davon, dass der Drucker für Fehler in der ersten
Vision verantwortlich sei. Der Kirchenhistoriker B.H. Roberts ist hier jedoch anderer Ansicht:
Die grammatikalischen Fehler und Diktierfehler existieren im Buch Mormon (und mehr speziell
und häufig in der ersten Version) und müssen eingestanden werden. Und weiter, während
manche Fehler auf ein mangelndes Lektorat zurückzuführen sind, wie man es von einer
ländlichen Druckereinrichtung erwarten kann..... so verflochten sind diese in der Ausdrucksweise
des Buches, dass sie nicht damit verworfen werden können, indem man sagt, sie seien das Resultat
eines mangelnden Lektorats oder indem man diese auf eine mutwillige Einfügung von Tippfehlern
schiebt oder der Unfreundlichkeit des Druckhauses anrechnet. Die Fehler sind von ihrer Art her
gesetzmäßig und entsprechen einem Stil und sind nicht solche Fehler, die man als
typographisch ansehen würde. In der Tat ist die erste Ausgabe des Buches Mormon
außergewöhnlich frei von typographischen
Fehlern. " 3
John H. Gilbert, der half das Buch Mormon zu drucken behauptete, dass die Mormonen
ihm nicht erlaubten die grammatikalischen Fehler im Originalmanuskript zu korrigieren. Eine
Photographie des Originalmanuskripts zeigt, dass der Drucker nicht für die grammatikalischen
Fehler verantwortlich ist. Interessanter Weise berichtete Joseph Smith von der Vision eines Engels,
der über die Übersetzung folgendes sagte:
Diese Platten wurden durch die Macht Gottes offenbart und sie wurden durch die Macht Gottes
übersetzt. Die Übersetzung die ihr davon gesehen habt ist korrekt. " 4
Weiter erinnern wir uns daran, dass Smith außerdem lehrte, dass das Buch
Mormon das korrekteste Buch auf Erden sei. Für viele Jahre lehrte die Kirche, dass Gott dem
Propheten eine perfekte Übersetzung geliefert hatte und dass alle Fehler Fehler der Nephiten
auf den Originalplatten waren. Wie in vorangegangenen Kapiteln bereits beschrieben, legte Joseph
Smith seinen Seherstein in einen Hut und ihm erschienen dabei Zeichen für Zeichen und
Wort für Wort in der englischen Sprache. Martin Harris sprach davon, dass Joseph Smith die
Übersetzung direkt von Gott erhielt und diese eine perfekte Übersetzung gewesen sei.
Nachdem die Sätze von Martin niedergeschrieben wurden blieben diese anscheinend so lange auf
dem Seherstein, bis der Satz korrekt war, dann erschien der nächste.
Bei dieser Annahme ergibt sich jedoch ein Problem. Wenn Joseph Smith, wie
behauptet, Satz für Satz erhalten hatte, ohne selbst zu interpretieren, dann erscheint es
äußerst fraglich, warum Gott so viele grammatikalische Fehler der englischen Sprache
machen sollte und warum die 3900 Fehler letztlich von Menschenhand ( z.B. von J. Talmage )
korrigiert werden sollten.
Da die vielen grammatikalischen Fehler jedoch äußerst peinlich waren,
änderte die Kirche ihre Ansicht über den Übersetzungsprozess. B.H. Roberts schrieb:
Die alte Theorie muss verbandt werden...". Die neue Ansicht war, dass Joseph die Bedeutung
des Textes erhielt und diese in seiner eigenen Sprache ausdrückte. Dies deckt sich auch mit
der Aussage aus Lehre und Bündnisse Abschnitt 1, indem der Herr scheinbar erwähnt, dass
die Gebote in der Schwachheit der Menschen und in ihrer eigenen Sprache gegeben werden. Dies
scheint den vielen Fehlern sehr entgegenzukommen und klingt fast wie eine Entschuldigung des
Autors. Allerdings steht dies in Widerspruch zu den Zeugenaussagen der Übersetzungshelfer,
wie oben beschrieben.
Mit der Änderung des Standpunktes, war es nun auch kein Problem mehr für
die Führer der Kirche, die Änderungen am Originaltext zu verantworten. Viele
Änderungen wurden ursprünglich von Joseph Smith getätigt aber eine große
Anzahl auch von James Talmage im Jahre 1920. Unter den vielen grammatikalischen Änderungen
gab es aber auch welche, die den Inhalt des Textes betreffen.
In der Version von 1830 lesen wir in 1. Nephi 20:1:
Horche auf und höre dies, o Haus Jakob, die mit dem Namen Israel genannt werden und
aus den Wassern Judas kommen, die beim Namen des Herrn schwören... "
In der heutigen Version lesen wir:
Horche auf und höre dies, o Haus Jakob, die mit dem Namen Israel genannt werden und
aus den Wassern Judas, ja, aus den Wassern der Taufe hervorgegangen sind..."
Der Satz, aus den Wassern der Taufe hervorgegangen sind", wurde also
hinzugefügt. Dieser Satz kommt nicht im Originalmanuskript vor und erscheint das erste Mal in
der 2. Ausgabe des Buches Mormon aus dem Jahre 1837. Es scheint, als ob hier eine Rechtfertigung
für die Taufe zu Zeiten des Alten Testaments gesucht wurde, denn dies ist Inhalt der
mormonischen Lehre, kann aber durch das Alte Testament nicht bestätigt werden.
Gravierendere Änderungen allerdings, sind solche, die die theologische
Betrachtung der Gottheit betreffen. Der Mormonismus geht von einer Pluralität der Götter
aus, was sich aber in der ersten Ausgabe des Buches Mormon nicht widerspiegelt.
So treten folgende Unterschiede zu Tage:
Und er sprach zu mir: Siehe, die Jungfrau die Du siehst, ist die Mutter Gottes, nach der
Weise des Fleisches." ( 1 Nephi 11:18, Ausgabe 1830)
Und er sprach zu mir: Siehe, die Jungfrau die Du siehst, ist die Mutter des Sohnes Gottes, nach der Weise des Fleisches." ( 1 Nephi 11:18, heutige Ausgabe)
Und der Engel sprach zu mir: Siehe das Lamm Gottes, ja, der
ewige Vater." ( 1 Nephi 11:21, Ausgabe 1830 )
Und der Engel sprach zu mir: Siehe das Lamm Gottes, ja, den Sohn des ewigen Vaters." ( 1 Nephi 11:21, heutige Ausgabe )
...Und ich schaute und sah, dass das Lamm Gottes ergriffen wurde; ja, der ewige Vater, wurde von der Welt gerichtet ." ( 1 Nephi 11:32, Ausgabe 1830 )
...Und ich schaute und sah, dass das Lamm Gottes ergriffen wurde; ja, der Sohn des ewigen Gottes, wurde von der Welt gerichtet. " ( 1 Nephi 11:32, heutige Ausgabe )
...dass das Lamm Gottes der ewige Vater und der Erretter der Welt ist..." ( 1 Nephi 13:40, Ausgabe 1830)
...dass das Lamm Gottes der Sohn des ewigen Vaters und der Erretter der Welt ist..." ( 1 Nephi 13:40, Ausgabe 1830)
In jeder dieser Änderungen wurde die Phrase der Sohn" eingefügt.
Diese aufgeführten Änderungen zeigen auf, dass das Buch Mormon am Anfang sehr nah am
allgemeinen christlichen Verständnis zum Thema Gottheit lag und erst später von Joseph
Smith, gemäß seiner erweiterten Ansichten, verändert wurde. Allerdings
berücksichtigte der Prophet dabei nicht alle Stellen ( siehe Mosia 15:1-4 ) - vielleicht
wegen des damit verbundenen Aufwandes - was die Gelehrten der Kirche heute zu einem theologischen
Spagat zwingt.
Fußnoten
1 The Tanners, 3913 Changes in the Book of Mormon
2
The Improvement Era, Dez. 1961, S. 924-925
3 B.H. Roberts, Defense of the Faith, S. 280-281. Zitiert in Mormonism - Shadow or
Reality, von Jerald und Sandra Tanner, S.89
4 History of the Church, Band 1, S.54-55