Schon seit die Diskussion um die Geographie des Buches Mormon entbrannt ist, sind
sich die Mormonengelehrten uneins über dieses Thema. Viele vertreten die traditionelle Sicht
und andere haben eher neue Theorien. Die Kirchenführer misskreditieren diese Suche nach der
Antwort auf die Fragen. 1978 veröffentlichten die Kirchenführer in der
Deseret News folgende Aussage:
Die Geographie des Buches Mormon hat einige Leser seit seiner Veröffentlichung neugierig
gemacht. Aber warum sollten wir uns darüber Sorgen machen? Bemühungen, diverse Orte nach
dem was geschrieben steht festzulegen, sind fruchtlos, da der Bericht keine Beweise, im Sinne
unserer modernen Geographie, für solche Lokalitäten erbringt.....
Zu schätzen wo Zarahemla war, kann den Glauben von niemandem stärken. Aber Zweifel in den
Köpfen von Menschen zu erwecken, über den Standort des Hügels Cumorah, um somit die
Worte der Propheten herauszufordern ...ist sicherlich schädlich...... Warum nicht die Dinge
versteckt lassen, die der Herr versteckt hat? Wenn er die Geographie des Buches Mormon offenbart
haben will, wird er dies durch seine Propheten tun und nicht durch einen Schreiber, der wünscht
der Welt, trotz dessen Mangel an Inspiration zu diesem Thema, zu mehr Licht zu
verhelfen. " 1
Da die Geographie doch einige Fragen aufwirft, können wir das Thema nicht ganz
dem Glauben überlassen und sollten einen kurzen Blick darauf werfen. Besonders deswegen, weil
Kirchengelehrte sich bei der Diskussion um die Geographie immer mehr auf ein bestimmtes Gebiet
berufen. Das Buch Mormon beschreibt das Land als ein Land südwärts" und
ein Land nordwärts", welche durch eine Landenge verbunden
sind. 2
Gemäß Joseph Smith und folgenden Präsidenten und Aposteln der Kirche,
umfasst der geographische Bereich des Buches Mormon prinzipiell ganz Nord- und Südamerika.
Joseph Smith identifizierte beispielsweise 1834, unter göttlicher Führung, ein in
Illinois gefundenes Skelett, als den lamanitischen Krieger Zelph und erwähnte, dass das
Gebiet von den Nephiten und Lamaniten bewohnt wurde 3.
Auf der Reise des so genannten Zionslagers ( einer Truppe von 200 Freiwilligen, die den in
Bedrängnis geratenen Mitgliedern in Missouri zu Hilfe kommen sollte ) ereignete sich folgende
Begebenheit, die in der History of the Church, Band 2, S. 79 zu finden ist:
"Während unserer Reise besuchten wir mehrere Hügel, die von den alten Einwohnern dieses
Landes -- Nephiten, Lamaniten, etc., aufgeworfen wurden und begleitet von den Brüdern
stieg ich diesen Morgen auf einen hohen Hügel in der Nähe des Flusses......
Auf dem Gipfel des Hügels waren Steine, die aussahen wie Altäre die einer auf dem anderen
errichtet wurden, gemäß der alten Ordnung. Die Überreste der Knochen waren über den Boden
verstreut. Die Brüder erstanden eine Schaufel und eine Hacke und während sie die Erde um
etwa einen Fuß Tiefe entfernten, entdeckten sie das fast vollständig erhaltene Skelett
eines Mannes, der zwischen seinen Rippen die Steinspitze eines lamanitischen Pfeiles hatte, die
offensichtlich seinen Tod verursachte. Elder Burr Riggs bewahrte den Pfeil auf. Die
Betrachtung der umliegenden Szenerie löste eine besondere Empfindung in unserem Inneren
aus, wodurch die Visionen der Vergangenheit meinem Verstand eröffnet wurden und durch den
Geist des Allmächtigen erkannte ich, dass die Person, dessen Skelett vor uns lag, ein
weißer Lamanite war - ein großer untersetzter Mann und ein Mann Gottes.
Sein Name war Zelph. Er war ein Krieger und ein Häuptling unter dem großen Prophet
Onandagus, der vom Hügel Cumorah her bekannt war, oder, von der östlichen See bis zu den
Rocky Mountains. Der Fluch [ die dunkle Hautfarbe ] wurde von Zelph genommen....
Er wurde in einer Schlacht durch den Pfeil getötet, der zwischen seinen Rippen gefunden
wurde, während der letzten großen Auseinandersetzung der Lamaniten und Nephiten."4
Diese scheinbare Identifizierung eines Lamaniten im Staate Illinois beweist, dass
Joseph Smith die Ereignisse des Buches Mormon bis hinauf in den Norden Amerikas legte.
Weiter identifizierte er die Küste von Chile als den Ort, an dem Lehis Gruppe ankam und
lokalisierte den Hügel Cumorah, an dem die große Schlacht zwischen den Nephiten und
Lamaniten stattfand in Palmyra, also 6000 Meilen von Chile entfernt. Außerdem steht laut Joseph Smith fest, dass
die Lamaniten die Vorfahren der Indianer sind. Dies umfasst die traditionelle Sicht der Kirche zu
diesem Thema. Joseph Fielding Smith ( und andere Autoritäten ) betont dessen Richtigkeit
eindeutig und weist damit die Theorie ( Sorenson ) über einen engeren geographischen Rahmen
zurück. 5
Trotz der über hundert Jahre alten, und von den Kirchenführern gelehrten,
traditionellen Ansicht, kamen manche Kirchengelehrte zu dem Schluss, dass diese Auffassung
unrealistisch sei. Die Gründe dafür liegen in einer Anzahl von Schwierigkeiten
bezüglich Reisezeiten, Bevölkerungswachstum usw., die sich in einem so großen
Gebiet wie Nord- und Südamerika förmlich aufdrängen. Beispielsweise wird
erwähnt, dass die rivalisierenden Nephiten und Lamaniten in der Nähe der Landenge
( Zentralamerika ) angesiedelt waren, aber miteinander vereinbarten, sich zu ihrer letzten Schlacht,
mehrere tausend Kilometer nach Norden zu begeben 6.
Welche Erklärung will man für einen solchen Marsch finden? Und weiter, warum sollte
Moroni die Platten per Hand ( nicht zu sprechen von der gesamten nephitischen Bibliothek ) Tausende
von Kilometern nach Norden transportieren, ganz alleine? Hinzu kommt, dass die westliche
Hemisphäre bereits 10.000 v.Chr. bevölkert war, was den Buch Mormon Daten
widersprechen würde.
Aus diesen Gründen wurde von einigen Kirchengelehrten die
Begrenzte-Geographie-Theorie" geschaffen, allen voran Prof. John L. Sorenson von der BYU.
Sorenson begrenzt die Begebenheiten im Buch Mormon auf ein Gebiet von ungefähr 400 Meilen in
Zentralamerika, mit dem Isthmus von Tehuantepec als Landenge. Somit wäre das Land
nordwärts Mexiko, mit toltekischer und aztekischer Bevölkerung und das Land
südwärts die Halbinsel Yucatan, mit toltekischer und Maya Bevölkerung.
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Bildquelle: Institute for Religious
Research |
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Diese Theorie würde zwar einige genannte Fragen klären,
wirft aber dennoch neue Fragen auf. Zunächst widerspricht diese den Lehren
vieler geistiger Führer der Kirche, allen voran Joseph Smith selbst. Wem
soll man nun mehr glauben, den Kirchenführern oder den Kirchengelehrten?
Sorenson platziert den Hügel Cumorah etwa 90 Meilen von der Landenge entfernt.
Damit hätten wir zwei Hügel Cumorah. Dies würde zwar die Frage
klären, warum die beiden großen Armeen Tausende von Meilen marschieren
sollten, widerspricht aber dem Buch Mormon, in dem das Land nordwärts mit
einer Reise mit einer überaus großen Strecke" in Verbindung
gebracht wird 7.
Außerdem, wie schon erwähnt, lokalisierte Joseph Smith den Hügel
Cumorah in Palmyra. Bleibt immer noch offen, wie Moroni die gesamten Platten
Tausende von Meilen nach Norden transportiert hat. Es sei hier noch erwähnt,
dass man bei Grabungen um den Hügel Cumorah herum keinerlei Funde gemacht
hat, die auf ein Schlacht hinweisen würden.
Ein weiteres Problem besteht in der 45° Richtungsverschiebung, wenn wir
versuchen, das Buch Mormon in Zentralamerika zu lokalisieren. Dies würde das Land
südwärts und nordwärts entlang einer nordwest-südost Linie legen, was etliche
Probleme mit den Beschreibungen im Buch Mormon aufwirft, zumal wir davon ausgehen müssen, das
Hebräer ihre Orientierung nach der aufgehenden Sonne vornahmen.
Nehmen wir einmal an, dass die genannte Theorie stimmt. Dies würde bedeuten,
dass die Nephiten und Lamaniten in Gebieten gelebt haben, in denen einige Hochkulturen der Neuen
Welt angesiedelt waren. In der Tat überschneidet sich die Zeit beispielsweise mit der
klassischen Mayazeit ( 300 n. Chr. ). Da die Nephiten viel weiterentwickelter waren, als alle
bekannten Völker Zentralamerikas, stellt sich die Frage, warum wir Errungenschaften, wie deren
Schrift, Eisen und Stahl, überhaupt die ganze frühzeitige Metallurgie, Maschinen, Waffen
und Werkzeuge, das Rad und Streitwagen, nicht unter den anderen Völkern dieses Gebietes und
dieser Zeit gefunden haben? Warum finden wird in Zentralamerika keinerlei Schriftzeichen oder
andere kulturelle Hinweise, die auf die Nephiten und Lamaniten schließen lassen? Waren die
Nephiten ein verborgenes Volk? Hatten sie keinerlei Kontakt zu anderen Völkern, obwohl sie
deren Vorfahren waren? Bleibt dies alles noch zu entdecken?
Lassen wir die Auseinandersetzung um traditionelle oder theoretische Sichtweise
der Kirche über. Beide Sichtweisen lassen erhebliche Fragen offen und sind weder innerhalb
noch außerhalb der Kirche geklärt. Deshalb muss man meiner Ansicht nach die Diskussion
auch global führen und nicht auf ein bestimmtes Gebiet und eine bestimmte Zeit beschränken.
Dies bedeutet: Die archäologischen und anthropologischen Erkenntnisse unserer Zeit, mit der
Geschichte des Buches Mormon zu vergleichen.
Thomas S. Ferguson, einer der großen Verteidiger des Buches Mormon,
der nach 25 Jahren archäologischen Studien, seinen Glauben wegen den mangelnden Beweisen verlor,
machte folgende Aussage:
Der Beweis, der die geographische Sicht von Norman und Sorenson, unter der strengen
Betrachtung des Buch Mormon Textes, unterstützen soll, ist in der Tat sehr dürftig.....
Ich habe keine Antwort zu dem Dilemma. Ich kann dies nur erwähnen. Ich fürchte, dass
ich bis zu diesem Zeitpunkt Dee Green zustimmen muss, der uns gesagt hat, dass es bislang keine
Buch-Mormon-Geographie gibt. " 8
Fußnoten
1 Deseret News, 29. Juli 1978
2 Buch Mormon, Alma 22:32
3 History of the Church, Band 2, S.79-80
4 History of the Church, Band 2, S.79
5 Joseph Fielding Smith, Lehren der Erlösung, Band III, S.232-245, engl. Ausgabe
6 Buch Mormon, Mormon 6:1-6
7 Buch Mormon, Helaman 3:3-4
8 Aus einer 28-seitigen Antwort von Ferguson an Norman und Sorenson, zitiert in
Mormonism - Shadow or Reality, von Jerald und Sandra Tanner, S. 125-J