
Erschien Christus in der Neuen Welt
und wurde das
Christentum dort vor Kolumbus verbreitet?
Für Mitglieder der Mormonenkirche ist es schon
immer wichtig gewesen, Parallelen zwischen dem Christentum und der Geschichte
der Neuen Welt zu finden. Würden diese Parallelen doch die Authentizität
des Buches Mormon unterstreichen. Im Buch Mormon finden wir sowohl christliche
Lehren, Traditionen des Alten und Neuen Testaments, als auch den Besuch
Jesu Christi bei den Nephiten.
Zwei Themengebiete treten dabei in der Kirche immer wieder auf und sorgen
für glaubensstärkendes Material: Quetzalcoatl, der weiße Gott, der einst
versprach wiederzukommen und diverse Überlieferungen der Indianer, die den Spaniern
erzählt wurden und die scheinbar biblische Elemente enthielten.
Quetzalcoatl, der weiße Gott

Die Legende um den Gott Quetzalcoatl wurde bislang von vielen
als Beweis angesehen, dass Christus tatsächlich Amerika besucht
haben soll. Christus wird hier in direkten Zusammenhang mit Quetzalcoatl
gebracht. Auch Generalautoritäten, wie Elder Peterson und Elder
Brewerton ( Herbstkonferenz 1995 ), lehrten diesen Zusammenhang. Wer
war aber nun dieser Quetzalcoatl?
... alte mexikanische Gottheit: in Teotihuacán
Naturgottheit, bei den Tolteken Gott des Morgensterns, bei den Azteken Gott des Winds, des Himmels
und der Erde. Außer als Federschlange wurde er häufig mit einer schnabelförmigen
Maske über der Mundpartie und oft als bärtig und hellhäutig dargestellt.
Sein wichtigstes Heiligtum befindet sich in Cholula. Mit dieser Gottesgestalt, die Züge eines
Heilbringers und Kulturheros zeigt, vermischte sich das Bild eines gleichnamigen Herrschers der
Tolteken, der zwischen 950 und 1000 der letzte Priesterkönig von Tula oder der Führer
einer priesterlichen oder konservativen Partei war. " 1
Quetzalcoatl war also ein Gott, der schon in
Teotihuacán ( ca. 300 n. Chr. ) verehrt wurde und dem man
dort einen Tempel baute. Er galt als Spender des Wissens und der Kultur. Interessant in diesem
Zusammenhang, ist die Verwechslung dieses Gottes mit dem Toltekenherrscher Topiltzin, der um
1000 n. Chr. gelebt hat und auf den sich prinzipiell alle Überlieferungen und Legenden beziehen.
Lesen wir dazu mehr:
Die Sagen beschreiben die Tolteken als einen chichimekischen Stamm, der im frühen
zehnten Jahrhundert aus dem Norden kam, von einem König namens Mixcoatl geführt wurde und
sich wenige Kilometer südlich des heutigen Mexiko City in
Colhuacán niederließ. Von Mixcoatl gibt es nur vage
Überlieferungen; über seinen Sohn Topiltzin weiß man konkrete Tatsachen.
Obwohl sich viele Legenden um ihn ranken, ist er die erste leibhaftige Persönlichkeit, die man
in der mexikanischen Geschichte erkennen kann.
Topiltzin ließ sich in seiner Jugend als Priester ausbilden und wurde schließlich ein
Hohepriester des gefiederten Schlangengottes Quetzalcoatl, der alten Gottheit von
Teotihuacán, die Wissenschaft und Kultur förderte.
Als Topiltzin den toltekischen Thron bestieg, nahm er selbst den Namen Quetzalcoatl an; er wollte
sich damit nicht selbst zum Gott machen, sondern folgte nur einem Brauch der Zeit, nach dem die
Priester eines Gottes häufig dessen Namen erhielten. Aber diese Namensänderung hat
unendliche Verwirrung gestiftet: Von da an haben frühe indianische Sagendichter oft den
Herrscher Topiltzin-Quetzalcoatl mit dem Gott Quetzalcoatl verwechselt und auch den moderneren
Historikern unterläuft dieser Fehler....
Unter Topiltzin-Quetzalcoatl wurde Tula eine bedeutende Stadt und er machte die Bevölkerung
mit der Zivilisation vertraut. Der Herrscher wurde wegen seines frommen und keuschen Lebens
bewundert... "
Es kam im Laufe der Zeit zu einem Konflikt zwischen den Anhängern
Topiltzin-Quetzalcoatls und der toltekischen Bevölkerung, die ihre Kriegsgötter verehrten.
Der Legende nach wurde Topiltzin eines Abends betrunken gemacht und verlor seine Unschuld.
Daraufhin ging er ins Exil.
Die Gelehrten kamen zu dem Schluss, dass die Sage auf Tatsachen aufbaut... Der Rückzug
Topiltzins bedeutete den Sieg der Kriegsgötter und ihrer Anhänger. Von hier vermischen
sich in der Sage die Geschichte des Priesters und des Gottes: Topiltzin-Quetzalcoatl verließ
Tula und verbrachte dann zwanzig Jahre in Cholula.. Dann zog er zur Meeresküste. Nach einer von
vielen Versionen der Sage segelte er auf einem Floß aus ineinander verschlungenen Schlangen in
die See hinaus; nach einer anderen erhob er sich zum Himmel und verwandelte sich in den Morgenstern.
Bevor er verschwand versprach er aber noch, in einem bestimmten Jahr - es war nach europäischem
Kalender das Jahr 1519 n. Chr. - zurückzukehren. " 2
Bekanntlich war dieses Versprechen wiederzukommen der Ursprung des Untergangs der
Azteken, da diese bei der Ankunft der spanischen Eroberer glaubten, dass sich dieses Versprechen
erfüllen würde. Erstaunlicherweise kamen die ersten Eroberer genau in diesem Jahr.
Stellen wir nun den Zusammenhang her. Der Gott, der einst versprach wiederzukommen,
war kein Gott, sondern der toltekische Herrscher Topiltzin, der als Priester Quetzalcoatls dessen
Namen annahm, wodurch es zu einiger Verwirrung in der Geschichte kam. Der Legende nach ging er ins
Exil und verschwand schließlich entweder auf dem Meer oder er verwandelte sich in den
Morgenstern. Dies hat also nichts mit Jesus Christus zu tun, zumal Topiltzin ca. 1000 Jahre nach
Christus lebte, der laut dem Buch Mormon um ca. 34 n. Chr. die Nephiten besucht haben soll.
Es gibt hier also keinen Zusammenhang.
Dies haben bereits auch Mormonengelehrte als Tatsache anerkannt. Darunter Brant
Gardener, der eine sehr ausführliche Studie zu diesem Thema verfasst hat. In dieser Studie
geht er auf diverse Annahmen, wie die jungfräuliche Geburt Quetzalcoatls, seine
ungewöhnliche Kleidung, seine weiße Hautfarbe und Bart, usw. ein. In exzellenter Weise
kristallisiert er dabei heraus, wie es im Laufe der Geschichte zu diesen Aussagen gekommen ist,
welche Legendenvermischungen dabei eine Rolle spielen und welchen Einfluss die Spanier dabei
hatten. Letztendlich kommt er zu der Schlussfolgerung, dass es keine Verbindung zwischen Christus
und Quetzalcoatl gibt oder je gegeben hat. Nehmen wir beispielsweise die weiße Hautfarbe.
Gardener schreibt dazu:
Dass Quetzalcoatl so untrennbar mit 'Weiß' in Verbindung stehen soll und dass eine
solche Verbindung so unauslöschbar mit der Hautfarbe in Zusammenhang stehen soll, sagt viel
mehr über unsere westliche Denkweise aus als über die einheimische. Das Quetzalcoatl
eine weiße Hautfarbe gehabt haben soll, kann der Legende erst dann hinzugefügt worden
sein, als eine Verbindung zwischen der Ankunft der Spanier und Quetzalcoatl geschaffen wurde. Dies
war nicht Teil des mystischen Materials vor den Spaniern. " 3
Diese Einmischung westlichen Gedankenguts durch die Spanier und dessen Vermischung
mit den indianischen Legenden kann in vielen Erzählungen festgestellt werden. Besonders bei
Quetzalcoatl und Legenden mit biblischen Inhalten. Neuste Erkenntnisse und Analysen lassen keinerlei
Verbindung zwischen biblischem Gedankengut und den Legenden der Indianer mehr zu.
Bezüglich Hautfarben und indianischen Malereien sollte hier vielleicht noch
folgendes erwähnt werden. Von Seiten der Kirche wurden bereits schwarz gemalte Menschen mit
den verfluchten Lamaniten in Zusammenhang gebracht, die von Gott eine dunkle Hautfarbe erhalten
hatten. Man muss jedoch wissen, dass die Wahl der Farbe bei den Ureinwohnern Amerikas eine andere
Bedeutung hatte. Sie stellte nicht gleich die Hautfarbe dar, sondern dahinter verbarg sich eine
Symbolik. So wundert es nicht, dass wir bei aztekischen Malereien rote, gelbe, schwarze und
weiße Menschen finden. Weiß hat z.B. nichts mit Reinheit zu tun, wie wir es im
westlichen Denken assoziieren würden, sondern repräsentierte den Tod. Auch die Götter
erhielten Farben. Dabei repräsentierten die Farben bestimmte Himmelsrichtungen. Weiß z.B.
den Westen.
Legenden mit biblischen Inhalten
Gern werden in Kirchenkreisen Berichte der Spanier erzählt, in denen Legenden der Indianer mit
biblischen Inhalten angeführt werden. So z.B. die Taufe, die Sintflut oder die
jungfräuliche Geburt. In einer Unterhaltung zwischen einem spanischen Priester und einem alten
Indianer, die von Mendieta wiedergegeben wurde, heißt es:
Er sagte auch, dass sie von der Zerstörung durch die Flut wüssten... Sie kannten
auch die Mission des Engels unserer Frau [ Maria ], durch Metapher, die sagt, dass ein sehr kleiner
Gegenstand wie eine Feder vom Himmel fiel und eine Jungfrau nahm sie auf und legte sie auf ihren
Bauch, wodurch sie schwanger wurde. " 4
Bei solchen Berichten müssen wir und vor Augen halten, dass diese mindestens
aus zweiter Hand stammen, bevor Mendieta sie berichten konnte und dass das Wunschdenken oder die
Interpretation der spanischen Priester und die christliche Gesinnung Mendietas hier durchaus
mit eingeflossen sind.
Eine jungfräuliche Geburt des Gottes Huitzilopochtli ist beispielsweise als
Legende unter den Indianern bekannt. Dort heißt es:
Diese selbe Coatlicue übte Buße, indem sie in den Bergen von Coatepec jeden Tag
fegte. Eines Tages, als sie einen kleinen Knäul Federn zusammenfegte, wie einen Knäul
Garn, flog eine Feder auf sie nieder. Sie nahm sie und legte sie in ihren Schoß nahe des
Bauches, unter ihr Kleid. Und nachdem sie gefegt hatte, wollte Sie die Feder herausnehmen,
konnte sie aber nicht finden. Von dieser Zeit an sagte sie, dass sie schwanger wurde. " 5
Die Sachlage wird klar, wenn wir die beiden Berichte vergleichen. Aus einer alten
indianischen Legende, die mit der jungfräulichen Geburt Huitzilopochtlis zu tun hat, wird
plötzlich durch christlichen Einfluss und Interpretation der Spanier die jungfräuliche
Geburt Jesu Christi und damit die Quetzalcoatls.
Diese Vermischung indianischer Legenden mit biblischen Elementen finden wir oft
und sie bilden die Grundlage für die angebliche biblischen Erzählungen unter den
Indianern. Die fälschliche Annahme beispielsweise, dass die Indianer etwas von der Taufe
wussten, kommt von der Fehlinterpretation einiger mesoamerikanischer Texte. Es gibt ein
Nahua-Ritual, bei dem bei der Geburt eine Waschung vorgenommen wurde. Dieses Ritual wurde von den
Spaniern mit der Taufe in Verbindung gebracht. Bei Berichten von der Flut handelt es sich
wahrscheinlich um Zerstörungen im eigenen Land, die einst mit viel Wasser zu tun hatten und
von den Spaniern als Flut interpretiert wurden.
Keine dieser Legenden mit biblischen Inhalten kann als authentisch anerkannt werden.
Allein die christlich orientierten Spanier sind verantwortlich für deren Existenz, wie obige
Beweise zeigen. Somit müssen wir weiter anerkennen, dass es keinen religiösen Einfluss aus
der Alten Welt in Mesoamerika gegeben hat. Leider werden aber noch sehr viele Mitglieder in den
nächsten Jahrzehnten an diese Mythen glauben, da es hier schlichtweg an Aufklärung fehlt.
Die National Geographic Society schrieb:
Das Christentum wurde vor der spanischen Eroberung auf diesem Kontinent nicht praktiziert.
Die Hauptzivilisationen von Nord- und Südamerika praktizierten ihre eigene Form der Religion. "
6
Wie sahen nun die Religionen der präkolumbianischen Einwohner Amerikas aus?
Religionsformen der Neuen Welt
Die Religionsformen waren durchweg heidnischer Natur. Die Azteken glaubten beispielsweise, dass ihre
Götter von menschlichen Herzen lebten. Somit wurden Kriege geführt, um genug Gefangene
auf den Altären opfern zu können. Kultische Menschenopfer bildeten die Voraussetzung
für den Fortbestand der Welt.
Die frühen Bewohner Mittelamerikas scheinen, wie die meisten primitiven
Völker, Naturgottheiten wie die Sonne, den Mond und die Götter des Regens, des
Frühlings und der Fruchtbarkeit verehrt zu haben. Sie beteten zu den Göttern,
vollführten Riten für sie und hofften, durch kleine Gaben ihre Gunst zu gewinnen.
Manchmal galten Berge und Bäume als heilig und der Mais war die heilige Pflanze. Oft hatte
jeder Ort seine eigenen Götter. Menschenopfer waren in allen Völkern bekannt und im
Gegensatz zur westlichen Welt, die diese durch zunehmende Zivilisierung verlor, bestanden sie bei
den Menschen Mittelamerikas immer, sogar bei den relativ sanftmütigen Maya. Die Tolteken
verehrten den Sonnengott Tezcatlipoca, der später auch von den Azteken verehrt wurde.
Zudem aber verehrten letztere auch den Gott Huitzilopochtli.
Der Gottesglaube war polytheistisch. Nach Schätzungen gab es zur Zeit der
spanischen Eroberung Tenochtitláns ( aztekische
Hauptstadt ) mehr als vierzig wesentliche Götter und einige Dutzend weniger wichtige
Gottheiten, die alle in Tempeln verehrt wurden. Es gab darunter auch gütige Götter,
wie den schon erwähnten Quetzalcoatl aus dem goldenen Zeitalter Mexikos.
Bei den Inka ( Peru ) war die Religion wichtig, drang aber
nicht in alle Bereiche des Lebens ein, wie es bei den Azteken der Fall
war. Viracocha war der Schöpfer der Welt und theoretisch
der höchste Gott aber die Götter der Sonne, des Mondes, der
Sterne und des Donners sowie alte Fruchtbarkeitsgötter hatten im
allgemeinen noch mehr Einfluss. 7
Erst kürzlich (2003) wurden 4000 Jahre alte Nachweise
für den bislang ältesten
Gott Amerikas gefunden. Er hat nichts mit den Gottesbildern der
Alten Welt gemein.
Fußnoten
1 Bertelsmann, Universal Lexikon, 1991, S.728
2 Zeitalter der Menschheit, Altes Amerika, S.59-60 . TIME-LIFE International
3 Brant Gardener, Digging for Quetzalcoatl's Christian Roots, 1997
4 Mendieta, 1971, S. 538, zitiert in Brant Gardener, Digging for Quetzalcoatl's Christian
Roots, 1997
5 Sahagún, 1969, 1:271, zitiert in Brant Gardener, Digging for Quetzalcoatl's Christian
Roots, 1997
6 Aus einem Brief vom 29. Mai 1978, zitiert in zitiert in Mormonism - Shadow or Reality, von Jerald und Sandra Tanner, S. 125-I
7 Zeitalter der Menschheit, Altes Amerika, S.101-108 . TIME-LIFE International